Meinungsmacht? Amazon-Gründer kauft Washington Post.

Diese Nachricht hat wohl viele überrascht. Amazon-Gründer Jeff Bezos kauft für satte 250 Mio. Dollar die altehrwürdige Washington Post. Nun beginnt die Diskussion über seine Kaufmotive. Die Pessimisten gehen vom Untergang des klassischen investigativen Qualitätsjournalismus aus und befürchten gar eine durch Amazon gesteuerte öffentliche Meinung und damit Meinungsmacht. Die Optimisten hingegen hoffen auf eine Revolution der seit Jahren kriselnden Printbranche und auf eine selbstlose Investition zum Erhalt der Meinungsvielfalt. Die Wahrheit wird wie so häufig vermutlich irgendwo dazwischen liegen.

Von Online-Erfahrung profitieren

Sicherlich werden die Motive nicht vollkommen uneigennützig sein und der Verdacht liegt nahe, dass Amazon dabei helfen könnte die Washington Post ins digitale Zeitalter zu führen und ein auf lange Sicht gewinnbringendes Geschäftsmodell aufzubauen. Dabei könnten vor allem die Reichweite von Amazon und die Erfahrung mit dem Online-Geschäft entscheidend sein.

Barmherziger Samariter?

Dennoch bleibt zu betonen, dass das Geld mit dem Bezos die Post kaufte  aus seinem Privatvermögen stammt und somit nicht in direktem Zusammenhang mit Amazon steht. Ist der Milliardär also vielleicht doch der barmherzige Samariter? Bezos und Verleger Graham beraten sich seit Jahren gegenseitig in Geschäftsdingen und so scheint auch wohl die Idee zum Kauf durch Bezos entstanden zu sein, um das traditionsreiche Blatt vor dem Untergang zu bewahren. Doch in Deutschland scheint die Vorstellung von Amazon – und sei es auch nur der Gründer und sein Privatvermögen – als Wohltäter geradezu absurd, wenn man an die Schlagzeilen um Hungerlöhne und miese Arbeitsbedingungen denkt.

Mögliches Szenario

Am wahrscheinlichsten erscheint das Szenario, dass Bezos zur schnellen Rettung der Washington Post eingesprungen ist und somit zunächst einmal uneigennützig gehandelt hat. Im Anschluss wird er sich aber nun auch intensiv mit der zukünftigen Geschäftsausrichtung des Unternehmens befassen, um nicht weiterhin die Verluste kompensieren zu müssen. Dabei werden sicherlich auch Überlegungen zur Vernetzung der Washington Post mit dem Online-Händler Amazon eine Rolle spielen.

Denn die eigens vertriebenen Kindle-Geräte eignen sich beispielsweise äußerst gut, um Zeitung zu lesen. So wäre die Einrichtung eines Zeitungsabonnements über eine App ähnlich wie derzeit bei Bild+ in Deutschland mit Amazon sicherlich einfacher zu realisieren und an ein breites Publikum zu kommunizieren. Ebenso könnte man das Zeitungsabo in eine Amazon Prime Mitgliedschaft integrieren oder im Bereich für ebooks die einzelnen Ausgaben gegen geringes Entgelt abrufbar machen. Gerade der Aufbau einer Paywall wird so im Online-Bereich einfacher. Und diese Paywall scheint für ein langfristig erfolgreiches Onlinekonzept einer Zeitung unvermeidlich um guten Journalismus garantieren zu können. Denn gute Texte verdienen eine gute Bezahlung.

Was nun aber tatsächlich mit der Washington Post geschehen wird weiß wohl nur Jeff Bezos selbst und bleibt abzuwarten.

Bildquelle: Washington Post – Historic Newspaper Fronts

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Autor:
Jochen Meiring

Jochen Meiring hat einen Masterabschluss in Kommunikationswissenschaft an der WWU Münster. Im Blog von interface medien setzt er die Kommunikationswissenschaft mit den aktuellen Entwicklungen der Kommunikationsbranche in Bezug und schafft so interessante Verbindungen zwischen Theorie und Praxis. Motivation zieht er dabei vor allem aus der Schnelllebigkeit und den ständigen Innovationen der Branche, die immer wieder etwas Neues und Interessantes bereithält.


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