Richtungssuche auf der re:publica 2013: aus/ge/franst

Im Mai 2013 ist also wieder einmal die re:publica, dieses Mal im Station in der Luckenwalder Straße, Berlin. Motto: in / side / out. Meine Lesart: Die Netzgemeinde will sich nicht mehr so deutlich abgrenzen, nicht mehr als in sich geschlossener Bereich gelten, der für eine Beteiligung mediale Kompetenz voraussetzt sondern sich im (gesellschaftlichen) Alltag der User verankern und für alle nutzbar und zugänglich sein.

Chaos am Eingang

Leider gelingt es nicht so ganz, die Besucherströme (rekordverdächtige 5.000 Karten sollen angeblich im VVK abgesetzt worden sein) beim Check-In so zu lotsen, dass der Eintritt halbwegs flüssig abläuft. So beträgt die Wartezeit mittags um 12 eine halbe Stunde. Der Innenbereich kommt ziemlich kommerzialisiert rüber, da gibt es einen Stand der comdirect-Bank, Daimler ist da, pixoona und als weiterer Partner die Firma Microsoft. Networking, Crowdsourcing, PR.

Thematische Vielfalt

Die Vorträge sind äußerst vielfältig: Es geht z. B. um Social („Von Social Media Management zu Social CRM“), Technik („Die Geschichte des Computers“), NGOs („E-Partizipation für NGOs – Chancen und Risiken online“), Theorie („Immer dieses Internet!“), Politik („Zivilkapitalismus -Wir sind die Wirtschaft!“), Gesellschaft („Facebook – Vom Revolutionsmacher zum Revolutionsgegner“) usw. – mal mehr mal weniger bezogen auf das (zumindest ursprünglich mal) zentrale Sujet: Das Bloggen.

Schwerpunkt Kommerzialisierung oder (Neu-) Formierung der Netzgemeinde?

Die scheinbare Stärke durch Vielfalt hat aber auch zur Folge, dass es keine erkennbaren, inhaltlichen und konzeptionellen Grenzen gibt. Die re:publica wirkt thematisch ausgefranst, ein Ziel ist nicht deutlich. Auch Comdirect, Daimler und Konsorten verwässern das Image mit: Ist die re:publica eine kommerzielle Messeveranstaltung oder noch die Zusammenkunft von Idealisten, deren Hauptanliegen ein offenes und sicheres Netz für Alle ist?

Sascha Lobo: „What would Merkel do?“

Und ja: Die re:publica und ihre Macher brauchen ein Ziel. Dringend. Sascha Lobo hielt einen bemerkenswerten Vortrag, in dem er deutlich machte, dass die Netzgemeinde („Hobby-Lobby für ein freies, offenes und sicheres Internet“) ihre Ziele im politischen Betrieb nicht durchsetzen konnte, letztes Beispiel Leistungsschutzrecht. Dies und andere Grundsatzentscheidungen (Aufhebung der Netzneutralität usw.) wurden über die Köpfe der Netzaktivisten hinweg entschieden bzw. werden Netz-Akteure bei der Entscheidungsfindung nicht konsultiert (was natürlich auch ihn selbst betrifft).  Zum einen liegt das wohl am desolaten Zustand der politischen Stimme im Berliner Politikbetrieb, den Piraten, aber andererseits sieht Lobo eben auch die Netzgemeinde in der Verantwortung, denen das -so nennt er das- Pathos fehle.  Um die Interessen durchzusetzen solle man sich die Frage stellen: „What would Merkel do?“ (In Anlehnung an Jeff Jarvis „What would Google do?“). Damit ist gemeint, eine Argumentation zu entwickeln, die zu den eigentlichen Zielen der politischen Entscheider passt und weniger Argumente des Widerstands enthält und damit per se eher sperrig zu vermitteln sein dürften. Merkel und Kollegen sollten für die Interessen der Netzaktivisten entscheiden, um sich dadurch wiederum selbst einen politischen Vorteil zu verschaffen. Und das soll durch die Netzgemeinde vorbereitet werden.

Was will die re:publica künftig sein?

Ob diese nun mit Lobos Auftrag etwas anfangen können? Es sollte jedenfalls eine (neue) Richtungssuche begonnen werden: Die re:publica muss sich mühen, zur Durchsetzung netzpolitischer Ziele einen organisatorischen und inhaltlichen Funktions- und Orientierungsrahmen vorzuschlagen, denn diese Veranstaltung ist immer noch die wichtigste ihrer Art in Deutschland. Ablenkung von dem Ziel, ein offenes, sicheres und freies Netz als Chance zu etablieren ist kontraproduktiv.

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Autor:
Kai Winkelmann

Kai Winkelmann ist in der Abteilung Social- & Online-Marketing schwerpunktmäßig verantwortlich für Social Media und SEO. Er ist gelernter Industriekaufmann und hat Kommunikationswissenschaft, Politik, Wirtschaftspolitik und Soziologie studiert und kennt daher genau den Marketinganspruch der Unternehmen einerseits und die Wirklichkeit der Medien andererseits. Bei interface medien führt er seit 2008 beide Seiten erfolgreich zusammen.


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